Im Beitrag über Coyoacán habe ich erwähnt, dass es neben diesem schönen Quartier in der Hauptstadt während unserer Reise zwei weitere „coups de cœur“ gegeben hat. Über einen davon möchte ich heute berichten. Während unseres Aufenthalts in Mexico City unternahmen wir einige zwei- oder dreitägige Ausflüge in die umliegenden alten Kolonialstädte. Einer dieser Ausflüge führte uns ins ca. 275 km nordwestlich der Hauptstadt gelegene San Miguel de Allende. Diese Kleinstadt gehört seit dem Jahr 2008 zum UNESCO-Welterbe und zählt in Mexiko zu den „Pueblos Mágicos“. Und tatsächlich, was wir in San Miguel erlebten, hatte sehr viel Magie in sich.


Die meisten grösseren Städte im zentralmexikanischen Hochland sind sehr bequem in komfortablen Reisebussen erreichbar. Vier Stunden dauerte die Fahrt vom Terminal Autobuses Norte nach San Miguel. Bequeme Sitze, in denen man sogar fast liegen kann, Klimaanlage und sogar ein Bordunterhaltungssystem sorgen dafür, dass die Reise nicht als zu lang empfunden wird. Schon auf dem Weg mit dem Taxi vom Busterminal in San Miguel zu unserem Hotel erhielten wir einen Vorgeschmack auf das, was uns erwarten würde: Gassen und Strassen mit farbigen Häusern, grosse Plätze mit Schatten spendenden Bäumen und, wie überall in Mexiko, zahlreiche eindrückliche und prunkvolle Kirchen.


Wie meistens auf unserer Reise wählten wir aus klimatischen Gründen die Randzeiten des Tages, um unseren Ferienort zu erkunden. Am Morgen waren wir sehr früh unterwegs, rund um die Zeit des Sonnenaufgangs. So konnten wir das pittoreske Stadtzentrum in Ruhe und fast ohne Leute und Verkehr erforschen (zumindest während der ersten Stunde) und fotografieren. Am späteren Nachmittag verliessen wir dann das Hotel wieder zu einem Zeitpunkt, wo die Sonne nicht mehr so erbarmungslos vom Himmel brannte. Und dies war auch der Moment, wo San Miguel de Allende seine Magie voll zur Entfaltung brachte.


Es war nicht in erster Linie die Schönheit seiner historischen Bausubstanz, die uns ergriff. Sondern es war die Wirkung des historischen Ortes als Ensemble in Kombination mit dem fröhlichen, pulsierenden Leben, das sich auf dem zentralen Platz, dem Jardin Allende vor der Kathedrale San Miguel Arcángel, und in den angrenzenden Gassen entwickelte. Es war ein Genuss, in einer der Lauben einen Kaffe oder ein Glas Wein zu trinken und das Leben zu beobachten – die Händler mit ihren Wagen, die Eis, Suppe, Tortas oder Tacos feilboten, die Menschen, die am flanieren oder sitzen waren oder die Mariachis, die auf dem Platz umherwanderten und auf Wunsch gegen einen kleinen Obulus ihre leidenschaftlichen Lieder darboten. An einem der beiden Abende wurden wir Zeugen eines karnevalartigen Umzugs durch das Zentrum, der sehr unterhaltsam war und uns sogar zum Mittanzen animierte.

Man muss diese Atmosphäre einfach erlebt haben und sich dafür wirklich die Zeit nehmen. Der Radius, den man bei der Erforschung des Zentrums schlägt, ist relativ klein, und das ist gut so. Denn so bleibt genug Zeit zum Staunen, Geniessen, in sich Aufnehmen. Man tritt dabei unweigerlich mit den Menschen in Kontakt – auch ohne direkt mit ihnen zu sprechen. Das gemeinsame Erleben dieser lebensfrohen Atmosphäre verbindet – so dass es sogar passieren kann, dass einem wildfremde Leute beim Abschied Luftküsschen zuschicken…




