Graffiti üben schon seit jeher eine grosse Faszination auf mich aus. Wenn ich einmal ausser Acht lasse, dass viele davon illegal an Orten angebracht werden, wo sie nicht erwünscht sind und darum als Sachbeschädigung zu taxieren sind, empfinde ich sie vom ästethischen Standpunkt her oftmals als wirklich schön, sogar als echte Kunstwerke. Offenbar hat man das auch andernorts erkannt 🙂 so dass es heute an vielen Orten auch völlig legal, quasi auf Bestellung angebrachte Graffiti zu bestaunen gibt.

Für meinen Geschmack eignen sich diese Kunstwerke, sofern sie gut gemacht sind, auch hervorragend als Fotosujets. Damit meine ich nicht das einfache Abknipsen der Bilder, denn damit ist ja noch keine wirkliche Eigenleistung des Fotografen verbunden. Nein, vielmehr geht es darum, sie entweder effektvoll und die Bildaussage oder die Szene unterstützend als Hintergrund z.B. für ein Portrait- oder People-Shooting einzusetzen, wie ich das bei anderen schon gesehen habe. Oder man setzt sie in einen bestimmten Kontext, so dass im besten Fall eine unterhaltsame Geschichte dabei entsteht.


Letzteres versuche ich oftmals, wenn ich irgendwo Graffiti entdecke, die mir gefallen, indem ich eine scheinbare Interaktion zwischen vorbeigehenden Menschen und dem Gemälde an der Wand herzustellen versuche, möglichst ohne dass die Protagonisten etwas davon bemerken. Manchmal entstehen dadurch witzige, interessante oder sogar provokative Szenen, hervorgerufen durch die Gegensätze zwischen Bild und Mensch oder durch den Beitrag, den die Menschen unbewusst zur Szene leisten. Die ersten drei Fotos entstanden schon vor längerer Zeit beim Schiffbau in Zürich, dessen Ostfassade eine riesige Graffiti-Wand ist. Man sieht sicher, dass das die ersten Gehversuche in dieser Art waren 🙂 Beim vorbeifahrenden Radfahrer ist die Interaktion relativ beschränkt, ich fand trotzdem, das Bild sieht gut aus. Das zweite Bild lebt einerseits von der Tasche in Pink, die aus den restlichen Farben heraussticht, als auch vom spontanen Blick der Frau zum eher tristen Motiv an der Wand. Bei diesen Bildern zeigen sich gleichzeitig aber auch die fotografischen Schwierigkeiten solcher Motive. Aus der Distanz aufgenommen und bei nicht allzuviel vorhandenem Licht ergeben sich Probleme mit der Schärfe. Während die Bewegungsunschärfe beim Radfahrer natürlich unvermeidbar und gewollt ist, reut es mich beim zweiten Bild, dass die Frau nicht knackscharf abgebildet ist. Wahrscheinlich kommen hier beide genannten Effekte zusammen: Bewegung und enge Schärfentiefe.


Am vierten Bild habe ich hingegen besonders Freude, auch wenn es sicher ebenfalls nicht perfekt ist. Erstens ist es technisch in Ordnung, und zweitens finde ich die Szene zum Schmunzeln. Lange stand ich an diesem Ort beim EWZ Unterwerk Selnau und versuchte die verschiedensten Menschen einzufangen, wie sie ahnungslos vom zornigen Fisch „angeblubbt“ wurden. Am besten gefiel mir unter den unzähligen Fotos das mit der Radfahrerin. Schon wenige Wochen später war es nicht mehr möglich, so ein Foto zu machen, da der Fisch von den Besitzern des Gebäudes weggeputzt worden war. Dieses Bild verzeichnete übrigens einige Annahmen bei internationalen Wettbewerben und wurde auch bei PHOTOSUISSE prämiert.
Zum Schluss möchte ich noch eine schöne Serie zeigen, die vor ein paar Tagen ebenfalls in Zürich entstanden ist. Bei der Busfahrt vom Bahnhof Oerlikon zur ETH Hönggerberg entdeckte ich diese Graffiti-Wände und stieg auf der Rückfahrt in ihrer Nähe aus. Es brauchte einige Geduld, Personen, Motor- und Fahrräder mit den Figuren auf ein Bild zu bekommen, da diese Strasse am Sonntag nicht gerade sehr belebt ist. Ausserdem zeigt sich an den Bildern, dass es auch nicht immer einfach ist, den richtigen Moment zu erwischen, vor allem wenn auf der Strasse noch Verkehr herrscht… Aber ich denke, es sind mir einige schöne Schnappschüsse gelungen, die meinen Vorstellungen zum Thema sehr nahe kommen. Und diesem Thema werde ich mich in Zukunft sicher noch mehr widmen…


