Normalerweise liegt meine persönliche Grenze zum Spätherbst, wo ich mit der alpinen Saison abschliesse und mich bei der Wahl der Ziele für meine Fototouren auf die Gewässer des Mittelandes, die Voralpen und den Jura umschwenke, bei Ende Oktober, Anfang November. Um diese Zeit liegt oft schon weit herunter Schnee, die Passstrassen sind zum grossen Teil geschlossen, und die Bergbahnen haben den Betrieb in der Regel sowieso schon seit dem Ende der Herbstferien eingestellt. Dieses Jahr war es jedoch etwas anders, zumindest was den Schneefall betraf. Während der ersten beiden Novemberwochen profitierten wir von milden Temperaturen aufgrund eines ausgedehnten Hochdruckgebiets, das wenig Niederschlag brachte und wenn schon, dann in Form von Regen – auch in den Alpen.


Gleichzeitig entdeckte ich, dass – neben den mir bereits bekannten wie das Oberengadin – einige attraktive Ziele in den Alpen auch ohne Bergbahnen ganzjährig zugänglich sind – so z.B. hochgelegene Bergdörfer wie Safien-Thalkirch, Juf, Vals oder viele Dörfer im Unterengadin. So klärte ich mit Hilfe diverser Webcams ab, wo genau sich die Schneegrenze befand, und wählte eines der darunter gelegenen Ziele für eine alpine Wanderung Mitte November. Die Wahl fiel dabei auf ein Ziel, das ich mir schon seit einigen Jahren vorgenommen hatte: Tarasp.


Zugegeben, die Zeit für An- und Rückreise ist mit je knapp vier Stunden schon ziemlich lang – aber da ich vornehmlich mit dem öV unterwegs bin, stört mich das gar nicht gross. Ein freier Tag soll ja auch dazu dienen, zu entspannen – und das kann ich im Zug hervorragend. So traf ich diesmal um etwa halb elf in Tarasp ein und machte zunächst ein paar Schritte durch den Ortsteil Fontana und um den Lai da Tarasp. Ich hatte schon bald das Gefühl, in einem Ort unterwegs zu sein, der einem Märchen entsprungen war. Diese Ruhe, die teilweise schön bemalten, historischen Häuser, wie um den See herum gewürfelt, dazu das stolze Schloss auf dem Hügel über dem Dorf – alles Stoff für romantische Träume 😉 …


Im Anschluss nahm ich den Weg zum Motta da Sparsels und dem an dessen Fuss gelegenen Moorsee Lai Nair unter die Füsse. Ich war vor langer, langer Zeit schon einmal an diesem Ort, zu einer Zeit als ich noch Dias machte, und diese waren es auch, die mich an die Schönheit dieses Moores erinnert hatten. In der Tat ist die ganze Gegend für meinen Begriff von überirdischer Schönheit, mit den überall verstreuten, zu dieser Zeit gelb leuchtenden Lärchen, den Arven im Moor und den imposanten Gipfeln rundherum. Zwar ist der See inzwischen mittels eines Zauns abgesperrt, und so konnte ich nicht alle Bilder aufnehmen, die mir vorschwebten. Aber das macht gar nichts – und leider ist diese Massnahme absolut gerechtfertigt, da die meisten Leute keine Sorge mehr zur fragilen Natur zu tragen wissen (oder dies nicht wollen).


Zu guter Letzt nahm ich mein Mittagessen auf einem der zahlreichen Bänke aus Arvenholz ein und genoss die spektakuläre Kulisse in Ruhe – denn selbstverständlich verirren sich um diese Jahreszeit nicht mehr viele Leute an diesen sonst recht beliebten Ort. Dann nahm ich auch schon den Rückweg in Angriff, der mir nochmals viele superschöne Blicke auf das märchenhafte Tarasp und das zu seinen Füssen liegende Engadin ermöglichte – also wieder ein rundum gelungener Ausflug!





