Letzthin bin ich bei den Arbeiten am Blog auf einen Link gestossen, der mich an einen überraschenden Ort geführt hat: Zu einer meiner ersten selbst gestalteten Webseiten. Vor über 25 Jahren habe ich einen kleinen Bericht über eine zweiwöchige Reise an die Côte de Granit Rose veröffentlicht – alles noch hart von Hand in reinem HTML programmiert und mit ganz kleinen Bildchen versehen 🙂 … Da mir die Texte in diesem Bericht trotz der ihr innewohnenden Jugendlichkeit auch heute noch Spass machen, habe ich mich dazu entschlossen, den Bericht hier neu aufzulegen. Mit höher aufgelöstem Bildmaterial natürlich, und obwohl ich einige der Bilder in einem anderen Beitrag über die Bretagne schon gezeigt habe. Aber hier werden sie neu mit der dazugehörigen Geschichte verknüpft. Viel Spass 😉 …

Ein langer, grauer Tag neigt sich seinem Ende zu. Die Bretagne, dieser entlegene Zipfel Frankreichs, hat mich kühl empfangen (sogar in meinem kleinen, im bretonischen Stil erbauten Häuschen fror ich in den ersten Tagen erheblich)! Und plötzlich, auf der Rückfahrt von den Klippen bei Minard, reisst der Himmel auf; die bisher nahezu graue, nur von dezenten Farben gezeichnete Landschaft wird in strahlendes Licht getaucht.
Etwas später an diesem Abend vernehme ich noch einmal den Ruf des Meeres. Ich kehre zurück an eine der Stätten, an denen ich dem Ozean auf meiner Reise zuerst begegnet bin. Bei „Le Gouffre“, einem markanten Felsen an der Küste von Plougrescant, tüncht die schon tiefstehende Sonne die Szenerie mit warmen Farben…

Das Maison de Plougrescant, ein kleiner Flecken Erde, der auf eindrückliche Weise zeigt, wie der Mensch allenthalben der Laune und der Gewalt des Meeres zu trotzen versucht. Dieses Häuschchen gehört, wie viele andere populäre Orte in der Bretagne zu den jährlich zigtausendfach fotografierten Motiven. Und es gehört schon etwas Glück dazu, so ein Motiv in einem derart bezaubernden Licht anzutreffen.

Das Maison de Plougrescant gehört zu einer kleinen Siedlung mit Namen Castel Meur. In der Hochsaison und zum Teil auch schon in der Vorsaison gehört sie zu den vielbesuchten Orten in der Bretagne. Kann man es sich aber so einrichten, dass man am späten Abend unterwegs ist, so hat man all die schönen Plätzchen an dieser bizarren Küste für sich alleine. Zum ersten Mal nimmt man dann die Stille wahr, die einen Ort wie zum Beispiel diesen Moorsee in Castel Meur umgibt, und erlebt so erst seinen wahren Charme.

Blick von der Île Balanec über eine Meerenge zur Île Ozac’h. Zwischen diesen Inseln findet sich ein eindrückliches Beispiel dafür, wie man sich in früheren Zeiten das Spiel von Ebbe und Flut zunutze gemacht hat: Ein kleiner Damm verbindet die südlichen Enden der beiden Inseln, und in der Mitte dieses Damms befindet sich ein Häuschen, die Gezeitenmühle, in deren Fundament Schleusen eingebaut sind, die jeweils, nachdem das Meer auf der einen Seite des Damms zurückgewichen war, geöffnet wurden. Der so erzeugte Wasserstrom betrieb ein Mühlrad.

Die Küstenabschnitte der Gemeinde Penvénan sind gekennzeichnet durch flache, von Felsen durchbrochene Kies- und Sandstrände und unzählige kleine, der Küste vorgelagerte Inseln. Wenn sich das Meer zurückzieht, so liegt dem Besucher plötzlich der unendlich weite, blosse Meeresboden zu Füssen, und viele der Inseln und Inselchen lassen sich zu Fuss erreichen.
Eine Wanderung durch dieses Watt ist ein intensives Erlebnis. Noch das Rauschen des Meeres im Ohr, das hier noch vor wenigen Stunden erklungen ist, kommt einem die jetzt herrschende Stille fast unheimlich vor! Und überall trifft man auf die Spuren des reichhaltigen Lebens, das das Wasser beherbergt.

Dies ist mein persönliches Lieblingsbild, und es ist in einem der schönsten Augenblicke während dieser Meeresgrund-Wanderungen entstanden. Nach einer langen Wanderung durch das Watt bei Buguélès erreicht man diesen ca. 1,5 km langen Kiesbogen, den Cordon de Galets, der zu Zeiten der Flut nur 1 – 2 Meter aus dem Meer ragt. Wenn man ihn besteigt, so trifft man auf seiner Nordseite unvermittelt wieder auf das offene Meer! Was für ein Szenenwechsel! Wenn es kurz vor Sonnenuntergang nicht so kühl wäre hier draussen, so würde dieser Ort zum Verweilen einladen. Nun aber geht die Wanderung weiter, dem Cordon entlang, der im übrigen auch Nistplatz des selten gewordenen Sandregenpfeifers ist. Und es kommt unwillkürlich die Frage auf, warum dieser mächtige Bogen aus Kies wohl ausgerechnet hier der Meeresbrandung widersteht…

Auf dem Rückweg vom Cordon lässt sich beobachten, wie das Meer langsam wieder hereinkommt. Noch scheint es weit entfernt, und doch füllen sich einzelne Rinnen bereits wieder mit Wasser. Dies ist der Lebensraum für zahlreiche Meeresvögel, die dieses sich stets verändernde Grenzland durchschreiten oder überfliegen und ihre Nahrung suchen. Deren Rufe sind das einzige, was die Stille manchmal für kurze Zeit durchbricht. Kurz vor dem für uns Menschen rettenden Festland bietet sich dann diese Szene: Die Sonne geht hinter einer der flachen, kiefernbestandenen Inseln unter, und ihr Schein spiegelt sich in der Oberfläche des zurückkehrenden Meeres.
Noch selten habe ich auf einer meiner vielen Reisen ans Meer das Spiel der Gezeiten so bewusst wahrgenommen. Das liegt bestimmt daran, dass dieser Wechsel hier sehr ausgeprägt ist, und dass ich während zweier Wochen immer und immer wieder dieselben Plätzchen, dieselben Küstenabschnitte besucht und sie jedesmal mit einem anderen Gesicht erlebt habe. Manchmal haben sie sich sogar innert kürzester Zeit extrem verändert. Auf dem Hinweg herrschen die Meeresvögel über einen Flecken, bei der Rückkehr ein paar Stunden später bereits wieder das Wasser.

Auf Schritt und Tritt wird man auf einer Reise durch die Bretagne vom keltischen Erbe begleitet. Nicht nur durch die Architektur der Wohnhäuser auf dem Land, die praktisch alle gleich aussehen und stark an Irland erinnern. Nein, auch durch die Zweisprachigkeit der Region, die für den Fremden vor allem in den Ortsnamen zum Ausdruck kommt. Wie zum Kuckuck wird denn das ausgesprochen, mag man sich manchmal fragen, wenn man wieder auf ein seltsames und so gar nicht in die französische Sprachlandschaft passendes Konstrukt stösst. Crec’h Urustal, ein am Fluss Jaudy direkt gegenüber dem historischen Städtchen Tréguier gelegener Weiler ist ein gutes Beispiel für beides.

Die Gemeinde Plougrescant verfügt über eine Unzahl an faszinierenden Küstenstrichen. Vom feinen Sandstrand bis zur unwirtlichen Felsenbank ist alles vorhanden, und wenn man sich die Zeit nimmt, ihre Grenze zum Meer abzuschreiten, so wird man hinter jeder Wegbiegung mit neuen Szenerien überrascht. Das Besondere an der Gegend sind zweifellos die unzähligen kleinen und mittleren, meist nur mit wenigen Kiefern bestandenen Felseninseln. Einige davon sind bewohnt oder werden sogar von Bauern bewirtschaftet. Was bringt wohl diese Menschen dazu, hier ihren Wohnsitz zu wählen und sich so in eine völlige Abhängigkeit vom Rhythmus des Meeres zu begeben?

Porz Scaff – dort ist übrigens auch das vorherige Bild entstanden – ist einer der zahlreichen kleinen Häfen an dieser Küste. Unter einem Hafen muss man sich allerdings nicht in jedem Fall einen richtigen Fischerhafen mit einer Hafenanlage und Boots- und Lagerhäusern vorstellen. Vielfach handelt es sich einfach um eine flache Stelle am Strand mit einer Kaimauer, wo nur kleine Ruderboote anlegen.

Dieses Bild entstand an einem meiner letzten Abende, auf der letzten Wanderung durch das Watt. Eigentlich wollte ich noch einen Sonnenuntergang fotografieren, doch sollte ich keine Gelegenheit mehr dazu haben. Kurz vor Sonnenuntergang zog am Horizont eine Wolkenbank auf. Allerdings wurde ich bei der Überquerung des Meeres auf dem Rückweg zum Festland durch dieses Motiv dafür entschädigt: Das letzte Licht des Tages spiegelt sich in einer schön gewundenen Restwasser-Rinne bei der Île du Milieu.

Die Île des Femmes lässt sich schon bei einsetzender Ebbe vom Örtchen Port Blanc (bretonisch: „Porz Gwenn“) leicht zu Fuss erreichen. Die Insel ist unbewohnt und besteht nur aus ein paar Felsen und einem Kiefernwäldchen. Die Stimmung allerdings, die mich in diesem Augenblick an diesem Ort überkam, kann durchaus als mystisch bezeichnet werden. Es herrschte starker Wind, und der Blick hinaus auf das weite Meer bei dieser eigenartigen Beleuchtung mutete ein wenig unheimlich, Ehrfurcht gebietend an. Sehr gut hätte ich mir vorstellen können, hier in diesem Kiefernwäldchen ein Feuer zu entfachen und mich für diese Nacht niederzulassen. Aber die Nacht war kühl, und ausserdem galt es anderntags bereits wieder, Abschied von diesem liebgewonnenen Flecken Erde zu nehmen…