Im Moment ist für mich, sagen wir einmal, bergfotografische Übergangszeit. Das heisst, der Herbst ist vorbei und die meisten Plätzchen in den Alpen nicht zugänglich – wegen gesperrter Strassen, nicht mehr fahrender Bergbahnen oder in höheren Lagen wegen Neuschnee. Erst wenn der Winter richtig eingebrochen ist und die Wintersportorte die Saisoneröffnung hinter sich haben, sind die Alpen für mich wieder gut erreichbar und auch fotografisch attraktiv. Darum widme ich mich in dieser Zeit gerne anderen Themen, wie den Gewässern und Mooren des Mittellandes, den Jurahügeln oder der Architektur. Damit aber die Berge in der Zwischenzeit nicht in Vergessenheit geraten, widme ich ihnen hier nochmals einen Artikel der Serie „Favorite Places“ 🙂 …

Märcher Stöckli im Abendlicht
Schon fast abstrakt – das Märcher Stöckli im Abendlicht

Der Klausenpass gehört zu den Pässen, deren Potenzial ich lange unterschätzt habe. Er ist mit seinen 1955m nicht sonderlich hoch und hatte bei mir lange den Ruf eines „Grashügel“-Passes, ähnlich wie viele Voralpenpässe (Ibergeregg, Pragel etc.). Gerade in den letzten Jahren aber, wo er für mich aufgrund meines Wohnortes immer einer der nächstgelegenen Alpenpässe gewesen ist, habe ich verschiedene neue, spannende Facetten an dieser Landschaft entdeckt. Ich möchte anhand dreier unterschiedlicher Besuche an die Schönheiten dieses Passes heranführen…

Erster Besuch: November 2011

Klausen Hospiz mit Gemsfairenstock
Das Klausen Hospiz mit Gemsfairenstock im letzten Abendlicht

Das Jahr 2011 wird mir als dasjenige in Erinnerung bleiben, in dem man die Alpenpässe wohl am längsten befahren konnte und auch die Passhöhen und die umliegenden Gipfel am längsten in den Spätherbst hinein schneefrei blieben. Dies ermöglichte es mir, den Klausen an zwei verschiedenen Tagen im November zu besuchen. Beides mal fand ich ein unbeschreibliches Abendlicht vor, wie man es dort oben wohl nur während weniger Wochen im Jahr erleben kann. Einmal versuchte ich sogar, einen namenlosen Gletschersee am Fusse des Clariden zu finden. Der Weg dorthin führte durch eine steile Gletschermoräne aus Geröll. Da an dieser Stelle um diese Jahreszeit den ganzen Tag über keine Sonne mehr hinkam, war es eiskalt! Dazu verirrte ich mich noch, weil ich zu selten auf die Karte schaute, und fand den See nicht (er wäre ja eh zugefroren gewesen…). Dafür gelang es mir, kurz bevor mir die Hände abfroren, mit der kleinen Kamera noch eine Serie für mein Empfinden extrem schöner Fotos von den Eiskristallen zu machen, die sich dort im Schatten über all an den Steinen gebildet hatten.

Eiskristalle in der Moräne an der Clariden-Nordwand
Eiskristalle in der Moräne an der Clariden-Nordwand

Ein weiteres Foto mit diesen Eiskristallen habe ich übrigens im Rahmen eines anderen Artikels bereits schon hier publiziert: Eiskristalle im Schatten des Clariden.

Herbstlicht über der Vorfrutt
Wunderbares Herbstlicht über dem Unteren Balm

Zweiter Besuch: September 2012

Der Claridengipfel spiegelt sich in einem kleinen Tümpel
Der Claridengipfel spiegelt sich in einem kleinen Tümpel

Nach diesem gescheiterten Versuch war für mich klar, dass ich nochmals einen Anlauf nehmen würde, diesen See zu finden. Regelmässige Besucher dieses Blogs wissen ja, dass es mich in den Bergen immer magisch ans Wasser zieht… Ein knappes Jahr später stieg ich nochmals von der Passhöhe den Wanderweg in Richtung Fisetenpass hoch und erklomm an derselben Stelle wie damals vom Firnband aus die Moräne. Schon auf dem Weg über das Claridenbödmeli stellte ich fest, dass die Umgebung gar nicht so wasserarm war wie der Blick auf die Landkarte glauben liess. Überall sprudeln Bergbäche, und trotz des trockenen, teilweise karstigen Untergunds entdeckte ich den einen oder anderen Moorsee. Aber eben, das Ziel war diesmal der grosse See ohne Namen. Diesmal hatte ich nicht kalt und somit auch mehr Energie, den langen, anstrengenden Weg über die Moräne zurückzulegen, und als ich plötzlich den See weit unten zu meinen Füssen sah, konnte ich fast nicht fassen, wie schön dieser Anblick war! Eine Gletscherzunge an der Clariden-Nordwand kalbte unzählige kleine Eisberge ins milchig-grüne Wasser des Sees, und diese trieben über den ganzen See und sammelten sich auf der anderen Seite beim Abfluss. Und rund um diese Erscheinung thronten imposante, felsige Gipfel und schienen sie regelrecht zu umarmen…

Eisbrocken im Gletscher-See
Eisbrocken im Gletscher-See

Ich hatte bisher nicht gewusst, dass es so eine Naturerscheinung in der Schweiz überhaupt gibt – ausser natürlich im Frühling, wenn die Eisdecken der Bergseen aufbrechen. Aber das ist jeweils nur ein kurzes, zeitlich begrenztes Schauspiel. Umso grösser war mein Erstaunen, um diese Jahreszeit so etwas vorzufinden. Nachdem ich diesen erhabenen Anblick einen Moment lang aus der Höhe genossen hatte, stieg ich von der Moräne hinunter, um die Ufer des Sees zu erkunden. Da sich der Tag schon seinem Ende näherte, kam ich aber nicht besonders weit. Und was das für die Zukunft bedeutete, ist wohl jedem klar 🙂 …

Blick vom Claridenbödmeli in Richtung Ortstock
Blick vom Claridenbödmeli in Richtung Glarnerland mit Jegerstöck und Ortstock

Dritter Besuch: September 2013

Alpenblumen
Sogar im September blühen noch Alpenblumen auf dem Claridenbödmeli

Der Vollständigkeit halber muss ich noch sagen, dass ich im September 2012 einen Tag nach dem eben beschriebenen Ausflug gleich nochmals mit einem befreundeten Paar an diesen See ging, musste ich ihnen diesen doch unbedingt zeigen! Allerdings fotografierte ich dann praktisch nicht mehr, um die Nerven meiner Begleiter zu schonen 🙂 und da ich ja tags zuvor schon dort gewesen war. Aber da mich solche Orte magisch anziehen, konnte ich es nun, ein Jahr später, natürlich nicht lassen, wieder bei diesem wunderbaren Ort mit Namen „Im Griess“ vorbeizuschauen. Und es ist gut, dass ich es getan habe. Denn erstens hatte ich nun viel mehr Zeit, auch noch andere Plätze am Seeufer zu erkunden und neue, sensationelle Anblicke zu entdecken. Ausserdem führte die Seeoberfläche diesmal noch viel mehr Eisbrocken, und sie lagen sogar zum Teil am Ufer verstreut herum. Teilweise hatte ich das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein, und das, was ich hier sah, glich so überhaupt gar keinem anderen Ort, den ich bisher in den Alpen aufgesucht hatte. Darum also gehört der Klausenpass trotz seines jahrelangen Mauerblümchen-Daseins inzwischen unbestritten zu meinen „Favorite Places„…

Gletscherzunge
Der Gletscherabbruch, von dem die Eisbrocken stammen

Zum Schluss noch eine Bemerkung: Wer hin und wieder einen Blick auf die Karte riskiert hat, hat vielleicht realisiert, dass ich mich bisher nur auf der Südseite der Passstrasse bewegt habe. Das ist richtig. Das bedeutet aber auch: Es gibt am Klausenpass noch vieles zu entdecken – z.B. Richtung Ruosalper Chulm oder Schächental…

Gletscher-See
Der Gletscher-See in seiner ganzen Pracht – im Hintergrund das Rau Stöckli
Mondlandschaft
Eine fast unwirkliche Landschaft – so karg und dennoch schön…

8 Kommentare

  1. Hallo Andreas – gratuliere zu deinem absolut informativen und übersichtlichen Blog.
    Mit dem kleinen See am Fuss des Clariden hast mich gerade etwas «angefixt» 🙂
    Kein Wunder kennt den kaum jemand, da muss man schon zuerst etwas leisten um dahin zu kommen.

    1. Hallo Roberto, vielen Dank für dein positives Feedback zu meinem Fotoblog. Ja, den Bergsee am Clariden auch einmal aufzususchen kann ich dir nur empfehlen – und du wirst sehen, der Zugang ist nicht ganz so wild 🙂 … LG Andreas

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